Montag, 26. August 2013

Vertrauen wir Hegel?- Warum absolutes Misstrauen der Wegbereiter für eine neue Epoche der Entschiedenheit sein wird

Wir leben in einem Zeitalter, in dem der materielle Fortschritt einen noch nie dagewesenen Höhepunkt erreicht hat. World Wide Web, Smartphone, GPS, Lasertechnik und Co. determinieren unsere Gesellschaft. Wir rasen und rasen und können es uns nicht mehr vorstellen in einer Welt zu leben die anders funktioniert, ja, die anders strukturiert ist als die jetzige. Vielleicht werden Historiker irgendwann sagen: Das 21.Jahrhundert war ein ganz spezielles Jahrhundert – Bahnbrechend, revolutionär für unser heutiges Dasein. Vielleicht werden sie sogar sagen: Wir haben erst dann begonnen, die Technik dynamisch zu machen. Lebendig, mobil und vielversprechend. Wir waren dabei, als es begann.

Und dennoch ist ein statisch-anmutender Gefühlszustand prägend in der heutigen Zeit. Eine Mentalität, mit der wir alle konfrontiert sind und die den Wenigsten geheuer ist. Ich spreche, so provokant es erscheinen mag, von einer Eigenheit dieses Jahrhunderts. Ein Zustand, der unabdingbar mit der Brisanz des materiellen Fortschritts verknüpft ist. Ein Zustand, der in seiner Dominanz und Häufigkeit ein Grad erreicht und in seiner Erscheinungsform an Gewicht gewonnen hat, welches weder relativiert noch ignoriert werden kann. Es ist die Mentalität des absoluten Misstrauens. Wir können nicht mehr vertrauen. Misstrauen gepaart mit Lethargie. Kognitive Dissonanz. Das Ende des Anfangs.
Woran mache ich meine These fest? Und zu welchem Ergebnis kann sie führen? Ich könnte jetzt soziologisch argumentieren und durch das Kriterium der Empirie und Beobachtung meine Schlüsse ziehen, so wie Eva Illouz es in ihrem neu erschienen Buch „Warum Liebe weh tut“, versucht. Wir könnten sagen: Absolute Freiheit führt zu rücksichtsloser Liebe und zum Scheitern von Liebe - Fehlende Normen und Werte führen zum Verfall der Gesellschaft. So ginge es in etwa vereinfacht. Aber das möchte ich hier nicht tun. Ich werde auch nicht naturwissenschaftlich argumentieren - dass die körperliche Evolution des Menschen sein Optimum erreicht hat und die Evolution des Geistes unendlich ist, beispielsweise. Nein, das führt hier zu nichts. Bleiben wir bei der Logik. Bei der Philosophie. Der Erkenntnistheorie.


Wir haben es nämlich mit einer Polarität zu tun. Mit zwei Gegensätzen, die einander beeinflussen und eine Spannung verursachen, und nur wenn wir diese Polarität verstehen, können wir auch ihre Begleiterscheinungen einordnen und bewerten. Auf der einen Seite befinden wir uns im materialistischen Umbruch. Nennen wir zum Beispiel den steigenden Materialismus, als Heilsversprechen und Mittel zur Glückseligkeit, die sogenannte These nach Hegels Dialektik des Weltgeistes. Und nennen wir demnach die Spiritualität oder das Vertrauen zu Gott, als geistiges Heilsversprechen und Mittel zur Erlangung von Glückseligkeit, die Antithese nach Hegel. Das sind zwei Stadien der Erkenntnis, die eine Entwicklung der Vernunft bezwecken sollen. Das dritte Stadium ist die Synthese, eine Brücke zur Auflösung der Spannung.


Hegel ging davon aus, dass allein das Vernünftige lebensfähig bleibt und sich somit durchsetzen würde. Dabei ist das Unvernünftige jedoch von enormer Bedeutung, um die Entwicklung des Vernünftigen zu provozieren. Das heißt: Umso stärker die These, desto stärker die Antithese. Eine starke These ist somit das Beste was einer Idee passieren kann. Denn je energischer die These ist, desto stärker ist die Negation der Negation. Wenn ich an das „Sein“ nachdenke, muss ich unweigerlich auch an das „Nicht-Sein“ nachdenken. Eine solche dialektische Spannung kann nur aufgelöst werden durch das „Werden“. Anders angewendet: Die Stärke des materialistischen Heilsversprechen führt unweigerlich zu einem wachsenden Misstrauen gegenüber dem spirituellen Heilsversprechen. Die damit einhergehenden gesellschaftlichen Probleme provozieren dabei jedoch immer stärker eine Antithese: Die Sehnsucht nach Vertrauen, die Sehnsucht nach einer tiefergehenden, verborgenen Wahrheit. These und Antithese bedingen einander, die Vorstellung von Materialismus existiert nicht ohne die Vorstellung von Spiritualität, Misstrauen existiert nicht ohne die Idee des Vertrauens.


Haben wir erst einmal jene Realität erkannt, können wir entsprechende Schlussfolgerungen zur Synthese ziehen und Lösungsansätze benennen. Als Theologin wage ich die Herausforderung das erkenntnistheoretische Modell in einen neuen, islamrelevanten Kontext einzubetten.

Der Islam ist eine monotheistische Religion, das heißt tauhid, und damit die Lehre der Einheit und Ganzheitlichkeit des Wesen Gottes, steht im Mittelpunkt. Der Mensch, der die Idee der Einheit Gottes nicht verinnerlicht hat, wird im Koran als „Irrender“ bezeichnet. Jeder Zweifel, jede Spaltung, jedes Straucheln führt ergo zum Aber- oder Unglauben und damit zum Identitätsverlust der Seele. So heißt es in Sura 9, Vers 45: „(…) und in ihrem Zweifel schwanken sie.“ Das Irren der Schöpfung gleicht dem Zustand der Morgenröte [1]: es ist nicht Tag und nicht Nacht. Der Mensch befindet sich in gewisser Weise im Unklaren. Hazrat Mirza Ghulam Ahmad, Friede sei auf ihm, schrieb dazu treffend: „Es ist logisch, dass man eine Sache die man nicht kennt, nicht wertschätzt, nicht liebt; noch hat man Furcht vor ihr. Alle Arten der Liebe und Furcht entstehen nach der Erkenntnis.“[2]

Die Hölle des Irrenden ist somit ein labiler Zustand der Unentschiedenheit, Unvollständigkeit und Unbestimmtheit oder Unbeständigkeit. Er befindet sich in einem Stadium orientierungslosen Lechzens, wie es in der Sura Al-A´raf (7:177) heißt: „(…)Er gleicht daher einem Hunde: treibst du ihn fort, so lechzt er, und beachtest du ihn nicht, so lechzt er. Gerade so geht es Leuten, die Unsere Zeichen leugnen.“ Man könnte sagen, die Anerkennung von Polarität bildet hier die These nach Hegel und die Leugnung von Polarität bzw. von Ganzheitlichkeit bezeichnet die Antithese. Die Synthese wäre aus theologischer Sicht die Vereinigung beider Gegenstücke durch die Formulierung der Erkenntnis, dass Gott der Herrscher über jede Form von Polarität ist.


In der Sprache der Fachsemantik ausgedrückt, klingt es sehr schwerfällig. Dabei bezeichnet es im Grunde genommen einen spirituellen Pfad, der nicht in Worte zu fassen ist. Der muslimische Mystiker und Philosoph Jalauddin Rumi formulierte es so: „Hier ist eine Welt, und da ist eine Welt. Ich sitze auf der Türschwelle.“[3]  Die Schwelle ist somit eine Art Bindeglied oder Brücke zur Überwindung der Polaritäten. Der Islam als Weg der Mitte, führt zur Einswerdung mit Gott und damit zur Auflösung der Unvollständigkeit.[4] Eine Überwindung jeglicher Polarität kann dabei nur gewährleistet werden, indem Gott als Herrscher der Polaritäten angesehen wird. Schließlich ist Gott immer existent, egal ob es Tag ist oder Nacht. Allein die Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen ist in der Finsternis eingeschränkt. Der Mensch ist jedoch in der Lage seine Sinne zu schärfen und Gott zu erkennen (Licht) oder seine Sinne abstumpfen zu lassen und Gott zu leugnen (Finsternis).


Wenn Hegel also recht behält, dann kann einzig und allein ein Islamverständnis überzeugend sein und an Einfluss gewinnen, das die Spannung der Polaritäten auflöst und den Weg der Mitte lehrt. Eine fanatische Lesart ist dadurch ebenso wenig erfolgversprechend, wie eine laxe Lesart der Modernisten. Es muss ein Islamverständnis sein, das eine lebendige Beziehung zu Gott propagiert und dennoch nicht völlig weltfremd erscheint.


Nicht ohne Grund prophezeite Max Heine schließlich nach der Lektüre von  Jean-Francois Lyotards Thesen der Postmoderne eine neue Epoche der Entschiedenheit und damit einen Ausbruch aus dem „unerträglichen Stillstand“ der heutigen Zeit:


Die Postmoderne ist widerlegt durch die Geschichte, durch den Fortschritt, durch die Eindeutigkeit und Originalität von Ideen. (…) Die neue Epoche ist geprägt durch den Ausbruch aus dem unerträglichen Stillstand der Postmoderne. Der Aufbruch ist unabdingbar, wenn der Westen auf die großen Veränderungen reagieren und angemessene Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit finden möchte. Antworten, die sich an moralischen und solidarischen Aspekten orientieren. (…) Die neue Epoche wird sich durch die Suche der Menschen nach Halt in einer sich verändernden Welt charakterisieren. Die Bedeutung des Identitätsstiftendem im Rahmen dieser Suche wird dabei  – als Gegenpol zum Individualismus – weiter zunehmen.“[5]


Ob es so sein wird? Wir werden sehen. Mein Vertrauen hat er bereits.

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[1] Vgl. Sura Al-Falaq

[2]Hazrat Mirza Ghulam Ahmad wird von vielen Muslimen als erwarteter Messias und Reformer der Endzeit angesehen. Das Zitat wurde aus dem Buch „Vortrag von Lahore“ entnommen (Frankfurt am Main 2011, S. 19-20)

[3] Vgl. http://www.ahmadiyya.de/islam/islamische-mystik/

[4] Vgl. auch den  interessanten Artikel http://www.huffingtonpost.com/craig-considine/rumi-and-emerson_b_3748667.html?utm_hp_ref=tw

[5] Vgl. http://le-bohemien.net/2013/02/25/die-postmoderne-ist-tot/

Mittwoch, 14. August 2013

Mosaik-Gedicht

Dieses Gedicht ist heute zufällig als Gemeinschaftsprodukt - wir waren zu fünft- während einer etwas langatmigen organisatorischen Besprechung für, ähm... angehende "Talentscouts" und Schiedsrichterinnen eines Sportturniers entstanden ;-) Die einzelnen Poetinnen durften die letzten Verse der Vorgängerin lesen und darauf anknüpfend ihren eigenen Part (jeweils das erste Wort eines neuen Parts ist gekennzeichnet) ergänzen. 

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August 2013.
Ich sitze auf einem Plastikstuhl
Still
Frage mich wann du gehen kannst
Ihr redet 
Doch es ist mir egal 
Wie Jasmin sagt
Wir sitzen
Sitzen unsere Zeit ab
Wir warten
Wann können wir gehen  
Sie hörte nichts als
Ein Rauschen,
Denn sie befindet
Sich in einer anderen
Sphäre,
Eine Welt, in der Äffchen
Laut ihre Tschinellen  
Aufeinander schlagen
In der der
Ton der Dumpfen
Alles übertönt
Hier ist wo
Ihr seid
Der Kosmos der
Ungeahnten Fähigkeiten
Sie, ich, wir
Wir alle gehören zu
Den Liberalen.
Denn Dummheit
Kann man nicht
Verbieten
Wie ein Trauerkloß
In der Suppe,
Saß sie da
Enschieden
Geschlossene Fenster
Überall
Wie die verschlossenen
Köpfe die über
Uns hinweg schauen,
Trauer(e) nicht
Die Zeit vergeht,
Sie warten auf das
Ende
Sie warten auf die
Freiheit,
Sie warten auf,
Auf
Die Luft zum atmen,
Ein unbeschreibliches Gefühl,
Das sie prägt,
Für ihr ganzes Leben.
Nichts war so einprägsam
Und es veränderte
Sie nichts
Als ein Gedanke
Der im Herzen
Verwurzelt war
Du brennst durch
Worte
Worte brennen in
Dir
Du brennst
Du bist geprägt
Auf ewig
Geprägt
Und d(a)rum dackelst du
Mir hinterher
Doch das war nicht mein
Plan
Ich hab das nie so gewollt
Lauf
Lauf weg
Bevor es zu spät ist
Denn die Zeit
Sie geht
Sie vergeht
Renn ihr davon
Renn so schnell du kannst
Sei nicht zu spät
Renn so weiter

Denn die Zeit vergeht
So wie der Sand in den
Fingern (zerinnt) und du weißt
Nicht, vor was du als
Nächstes stehen wirst!
Doch stets willst
Du, dass du mit seinem
Namen auf den Lippen
Stirbst und deine
Letzten Worte
"Allahhuakbar*"sind! 
* Arab. f.: Allah ist größer

Dienstag, 13. August 2013

Größer als

Erzähle mir von jener Lehre
Die dir Vervollkommnung verheißt
Erzähle mir von jener Zierde
Die dich Ganzheit lehrt
Du sagtest mir es sei Heilung
Doch ich fürchte mich
Ich dünkte ich sehe dich kommen
Doch ich sehe dich nicht

Höre: Ich antworte dir an einem Morgen
Wenn der Tag am jüngsten ist
Wenn der Tau auf den Bäumen liegt
Alles einsam ist und niemand flüstert
Alles still ist und niemand lauscht
Wenn du hellwach bist
Heller als der hellste Stern
Wenn du klar sehen kannst
Und du genau hinsiehst 
Ganz genau
Sieh hin

Du spürst den Tau 
Du hörst wie ein Blatt fällt
Du atmest die Luft
Die in der Hemisphäre schwebt  
Es ist, als wärst du der Tau
Es ist, als wärst du das fallende Blatt
Es ist, als wärst du die schwebende Luft
Das wallende Kleid eines Fremden
Und doch bist du hier
Und nirgends anders gewesen
Hast dich nie entfernt
Warst nie versunken
Du bist unvollkommen
Und doch vollkommen 
In der Liebe 
Zur Vollkommenheit

Erst wenn etwas größer ist
Kann Erkenntnis funktionieren
Erst wenn etwas verborgen ist
Kann es sichtbar werden
Wenn etwas immer größer bleibt
Kann etwas anderes ständig wachsen
Dein Mangel 
Dein Streben
Dein Gebet
Ist Voraussetzung
Ist Wegbereiter 
Zur Schärfung deiner Sinne
Zur Einswerdung mit Ihm

Schau es dir genau an
Schau es dir genau an
Du wirst keinen Fehler finden
Keinen Widerspruch
Keine Spaltung
Nichts das fehlt
Weil alles eins ist
Weil alles, das dir gehört
Nicht dir gehört
Und doch dir gehört
Alles fällt auf dich zurück
Und ist noch nie gefallen

Wir schöpfen aus unserem Schöpfer
Sterben und werden lebendig und
Sterben wieder einen weiteren Tod
Um aus diesem neu zu erwachen
Alle Hoffnung auf Leben
Alle Hoffnung auf Zufriedenheit
Alle Hoffnung auf Freiheit
Alle Hoffnung auf Klarheit
Liegt in jener Größe verborgen

Keine Kraft und Macht der Welt
Kann jene Größe schmälern
Keine Kraft und Macht der Welt
Kann jenen Blick krümmen
Wenn er spricht "Sei!!
Dann ist es und es wird sein
Als sei es nie anders gewesen

Solltest du immer noch zweifeln
So zweifle
Es wird mir nicht schaden
Und kann dir nichts nützen
Doch wenn du siehst
Was ich sehe
Dann vergieße Tränen 
Weine
Weine aus Dankbarkeit
Sie werden dir nicht schaden
Und uns beiden nützen

Das ist Heilung.

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Sonntag, 21. Juli 2013

Gesichter

Welche Bedeutung haben Gesichter für den Werdegang der Geschichte? In Frankreich ist der Streit um das Tragen einer Vollverschleierung erneut eskaliert, wie die ZEIT berichtet[1]. Die international geführte Debatte verweist auf bekannte Diskussionsansätze; die Frage nach der Notwendigkeit eines Verbotes, der Verhandlung von Demokratie und der Gerechtigkeit im Umgang mit der Religionsfreiheit. Die meisten jedoch empfinden die Verhüllung des Gesichtes im Sinne der interreligiösen Begegnung und Annäherung und im Sinne der Integration und des Aufeinanderzugehens als ein offenbares Hindernis. Die Verhüllung erzeuge Misstrauen. Die Kommunikation werde gebremst. Um sein Gegenüber verstehen zu können, müsse das Gesicht frei sein.

Die Mehrheit der Muslime, mich eingeschlossen, halten das Tragen einer Vollverschleierung, bei der die Augen nicht zu sehen sind, für extrem und unislamisch. Aus islamwissenschaftlicher Perspektive sind zudem Überlieferungen des Propheten Muhammad, Friede sei auf Ihm, bekannt, in denen er die Sichtbarkeit von Gesicht und Hände der Frau erlaubt. Doch damit kommen wir dem Kerngedanken des Vorwurfes nicht näher. Folgen wir nämlich seiner Logik, so kommen wir nicht drumherum die Vertrauenwürdigkeit des unverhüllten Gesichtes zu thematisieren. Der Kommentar des Lesers "thorner kathrinchen" skizziert den simplen Vergleich der Gesichter: "so oft wie ich mit einem poker-face zu tun habe, kann ich auf die freie sicht aufs gesicht auch verzichten" 

Wenn die Verhüllung des Gesichtes das Problem darstellt, warum scheitert dann bereits der Dialog mit den unverhüllten Muslimen und mit den Kopftuchträgerinnen, die ihre Gesichter zeigen? Extreme Formen der Verhüllung und der Enthüllung erregen Aufmerksamkeit. Sie sorgen für ein bisschen Show, Schaum um den Mund, Wut und Panik, Shitstorm, für das Spiel der Erhebung und Erniedrigung, für Heuchelei und Kontrollzwang. Aber sie sagen viel mehr über den Betrachter der Verhüllung und Enthüllung aus, als über die Verhüllten und Enthüllten selbst. Wer wirklich daran interessiert ist auf sein Gegenüber zuzugehen, mit ihm zu kommunizieren und ihm zu begegnen, der sollte sich einmal ehrlich fragen, wie viel er dafür in der Praxis tut. Ob er heute Morgen beispielweise seinen Nachbar gegrüßt hat, in der Straßenbahn in ein besorgtes Gesicht geblickt hat, vielleicht sogar mit einem Gebet im Herzen oder dem bloßen Wunsch ihm irgendwie helfen zu können? Er sollte sich ernsthaft fragen, wie viele Freundschaften aus Mitgefühl und dem Wunsch uneigennützig Gutes zu tun, entstanden sind und wie viele vom Gedanken der Nützlichkeit geprägt sind.

Wer etwas zu sagen hat, sagt es auch. Ob er sein Gesicht zeigt oder nicht, ob er spricht oder nicht. Nur ob es jemand lesen und hören will, ist eine andere Sache.




[1] http://www.zeit.de/politik/ausland/2013-07/trappes-burka-verbot-frankreich


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Dienstag, 16. Juli 2013

Etikettenschwindel – Was soziale Gerechtigkeit mit Religion zu tun haben muss oder auch nicht

Es ist doch immer wieder interessant zu beobachten, wann der Religion im öffentlichen Leben für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung eine immense Bedeutung zugesprochen wird und wann sie außen vor bleiben darf. Heute beispielsweise durfte der Leser der Süddeutschen Zeitung Zeuge einer solch beliebigen Deutungshoheit werden. Dort wurde die vor Kurzem veröffentlichte Bertelsmann-Studie vorgestellt (mit der verheißungsvollen Überschrift: „Zusammenhalt ist Glück“[1]), in der Wissenschaftler herausgefunden zu haben meinen, wie stark der gesellschaftliche Zusammenhalt in einzelnen europäischen und amerikanischen Nationen sei. Das zunächst dargelegte Ergebnis scheint wenig überraschend. So heißt es: „Dass Reichtum und eine möglichst gleichmäßige Verteilung der Einkommen den Zusammenhalt stärken, geht etwa aus der Studie ganz klar hervor. Reichere Staaten liegen in der Tabelle tendenziell auf vorderen Plätzen, ärmere hinten. Wo die Einkommen stark auseinanderklaffen wie etwa in Griechenland oder Polen, ist es auch mit dem Zusammenhalt nicht so weit her.“
Doch es dauert nicht lange, da wird eben jene simple Erkenntnis als fadenscheiniges Argument für eine ausgehende Gefahr von gelebter Religiosität für den gesellschaftlichen Frieden gebraucht: „Überhaupt: Die Vermutung, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt vor allem auf einem intakten Gerüst kultureller und moralischer Werte beruht, bestätigen die Ergebnisse der Untersuchung eben nicht. Sie weisen vielmehr in die entgegengesetzte Richtung: Nicht in allen, aber eben doch in signifikant vielen Ländern, in denen Religion im Alltag eine wichtige Rolle spielt, etwa in Rumänien, Griechenland, Polen oder Italien, ist der gesellschaftliche Zusammenhalt eher gering. In allen sechs Ländern, in denen der Zusammenhalt am stärksten ausgeprägt ist, spielt Religion dagegen im täglichen Leben der Bewohner eine vergleichsweise geringe Rolle.“
Das scheint doch eine sehr steile These, angesichts des zuvor angeführten Gedankens, dass sich vor allem die soziale Gerechtigkeit und damit die Einkommensverteilung auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt auswirken. Insbesondere dann, wenn eine Diskrepanz zwischen moralischen und kulturellen Wertevorstellungen (Theorie) und ihrer Umsetzung (Praxis) nicht ausgeschlossen werden kann. Eine geäußerte Unzufriedenheit oder Spaltung in der Gesellschaft, insbesondere in Zeiten der Wirtschaftskrise,  ist nur eine Ausdrucksform einer erlebten sozialen Ungerechtigkeit. Ob die Mehrheit eines Landes das Etikett „christlich-orthodox“ oder „muslimisch“ trägt oder nicht: Wenn in der Praxis das Vertrauen in die Integrität des Staates oder der Sozialpolitik verloren geht, hat das natürlich Auswirkungen auf den wahrgenommenen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Man fragt sich wie der Interpret der Studie überhaupt auf die Idee gekommen ist, ohne Weiteres einen Kausalzusammenhang zwischen dem religiösen Bekenntnis einer Mehrheit und der erlebten sozialen Ungerechtigkeit herzustellen. Dahinter scheint sich wohl die Überzeugung zu verbergen, dass Religionen per se ein Grundübel für die Entwicklung einer Gesellschaft sind. Als ob Egoismus, Macht- und Geldgier sowie fanatisches und totalitäres Gedankengut exklusive Bestandteile der Religion wären. Die Religion ist nicht autonom. Wer immer noch annimmt die Religon sei das Grundübel unserer Zeit, ist selbst abergläubisch. Denn er glaubt daran, dass Religionen unabhängig von Zeit, Raum und Mensch Einfluss nehmen und existieren können und dass der Egoismus des Menschen schwächer sei als das ehrliche Befolgen einer religiösen Lehre.
Die wahre Erkenntnis der Studie birgt indessen folgendes Zitat: "Insgesamt kommt die Studie zu dem Schluss, dass ein höherer oder niedrigerer Migrantenanteil keinerlei bemerkenswerten Einfluss auf den Zusammenhalt in einem Land hat." Das mag für viele tatsächlich neu sein. Aber ob das reicht?

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[1] http://www.sueddeutsche.de/leben/bertelsmann-studie-deutschland-fehlt-die-toleranz-1.1722182-2

Montag, 8. Juli 2013

Für sich gesprochen

Es ist eine Weile her/ Du weiltest noch unter uns/ Als du auf mich zuliefst/ Meine Augen waren auf den Fluss gerichtet/ Nicht auf dich/ Du sprachst mich an/ Wolltest wissen/ Ob das/ Was meine Augen für sich bewahren/ Mich so sehr erfasst/ Dass ich es für Andere weitertrage/ Es gar als Gedicht verfasse/Und so den Ort/ Als Wort verwahre./ Du lächeltest/ Es war eine Idee/ Eine Neugier/ Vielleicht auch ein Wunsch/ Ich fand es lustig/ War spöttisch/ Blieb stumm/ Vielleicht/ War ich verlegen/Vielleicht/ Ging es mir nahe/ Ich quittierte es mit einem Grinsen/ War schlau oder/ Dumm./ Jetzt sind einige Jahre vergangen/ Ich stehe hier/ Am selben Ort/ Mit Menschen die anders sind/ Und ähnliches fragen/ Jetzt begreife ich/ Was du meintest / War ich doch nur zu stolz/ Um es zu erkennen /Oder/Zu ertragen/ Ich kann nichts für mich bewahren/ Habe nicht das Recht/ Dinge zu erfassen/ Dinge für mich zu besitzen/ Oder zu erfragen/ Noch kann ich verfassen/ Was meine Augen sehen/ Allein dass ich gesehen werde/ Wolltest du mir sagen / Und dass wir/ Für uns gesprochen/ Zu wenig/ Voneinander hören/ Und zu wenig/ Zueinander sagen/ Vergib mir meinen Stolz/ Du sprachst nicht nur von mir/ Als du mit mir sprachst/ Sondern von all jenen/ Die für sich sind/ Und ihr Ding/ Für sich machen/ Ich habs verstanden/ Der Mensch kann nichts/ Und kann es doch nicht lassen. 


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Dienstag, 2. Juli 2013

Unvergangen

Kein Tag vergeht, ohne zu bleiben, kein Tag vergeht, ohne auf das Zurückgebliebene zu verweisen. Wer neue Ideale und Ideen ablehnt, tut dies oftmals instinktiv - in Wahrheit lehnt er damit die eigene Geschichte und Identität ab, in der Sorge zum wiederholten Male ihr Vergehen und Zerbrechen zu erleben. Gerade deshalb ist der Zyniker der Neuzeit ein Melancholiker. Aber ist es nicht feige Ideen allein deswegen abzulehnen, weil sie an vergangene Fehler erinnern? So manche Zurückweisung gründet auf ein unreflektiertes, bloßes Gefühl. Eine echte Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und Geschichte, fordert mehr. Hazrat Mirza Bashir ud-Din Mahmud Ahmad (ra) schrieb einmal "Ein Volk, das seine Geschichte nicht kennt, kann keine Fortschritte erzielen."1Vieles von dem, das wir meinen zu kennen, ist die halbe Wahrheit oder weniger als das. Und vieles von dem, das wir meinen zu sehen, ist nichts anderes als ein Abbild unserer derzeitigen geistigen Verfassung. Die Zunahme an Unwissen setzt Wissenszurücknahme voraus. Denn die Abfolge von Ereignissen ist alles andere als zufällig.

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1.Vgl. Der Aufstand - Über den Beginn erster Konflikte im Islam, Frankfurt am Main, 2013, S.19

Montag, 24. Juni 2013

Adieu, adulte Theologie! - Zum Verhältnis von Text, Subjekt und Interpretation im islamwissenschaftlichen Kontext

Hans-Thomas Tillschneider verhöhnt in seinem Essay „Fragwürdiges Plädoyer für eine infantile Theologie" (erschienen am 07.Juni 2013 in der FAZ), Mouhanad Khorchides Werk „Islam ist Barmherzigkeit“ als einfältig und intellektuell bescheiden, dass man sich wundert den Autor auf einem theologischen Lehrstuhl zu sehen.“ Dabei zeugt gerade dies von einem verklärten Theologie- und Selbstverständnis. Eine Entgegnung.

Mag sein, dass Khorchides Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ für den abgebrühten Leser ein wenig weichgespült daherkommt. Aber mag auch sein, dass Tillschneider das Wort "Barmherzigkeit" übersehen hat, als er begann Khorchides Werk derartig zu verreißen, dass der gemeine Leser sich insgeheim wünschte, er möge doch ein wenig Barmherzigkeit walten lassen über den netten Khorchide. Gibt es eine allumfassende, mess- und fassbare islamische Theologie, Lehre von Gott? Tillschneiders Essay „Fragwürdiges Plädoyer für eine infantile Theologie“ zeugt nicht nur von einer dreist anmaßenden Überheblichkeit; es ist schlicht und einfach streckenweise unwissenschaftlich und in sich paradox. Als renommierter Islamwissenschaftler hätte er wissen müssen, dass Theologie und Wissenschaft gleichermaßen nie dem Anspruch an Objektivität, noch dem Anspruch an Autonomie gerecht werden können. Dennoch kritisiert er kläglich, Khorchide definiere „den  Islam einfach nach seinem Geschmack um“, obwohl er doch bitte „mit der islamischen Theologie ringen“ müsste.

Die Hervorhebung eines Gottesattributes impliziert nicht die Verleugnung eines anderen
Um es noch einmal klarzustellen: Khorchide spricht nicht von der islamischen Theologie schlechthin (was auch immer das sein soll), sondern von einer Theologie einer spezifischen Denkschule. Im Frühislam standen sich die Verfechter der „Theologie der Gerechtigkeit/Vernunft“ (Muʿtaziliten) und die der „Theologie der Allmacht/Vorherbestimmung“ (Ašʿarīten) gegenüber. In der Moderne haben sich eine „Feministische Theologie“ und eine „Theologie der Neo-Traditionalisten“ herausgebildet. Der Mensch denkt in Kategorien und leitet aus diesen Kategorien eine logische Argumentation und Plausibilität der Interpretation des Textes, ganz gleich ob religiöser Natur oder nicht, ab. Wie sollte es auch anders sein? 
Das bedeutet indes nicht, dass unterschiedliche Theologien einer Religion absolut konträr zueinander stehen. Vielmehr betonen sie bestimmte Kategorien stärker als andere und leiten aus diesen ihre Interpretationsansätze ab. Wer die Entwicklung und Entstehung islamischer Denkschulen beobachtet hat, erkennt nämlich schnell, dass ihre Begründer im Ursprung dieselbe Lehre vertraten. Allein die permanente Hervorhebung eines bestimmten Attribut Gottes in religiösen öffentlichen Diskussionen begünstigte Abgrenzungsmechanismen, die zur Entstehung eigenständiger Denkschulen führten. Eine Theologie der „Barmherzigkeit“ wird somit gezwungenermaßen die „Barmherzigkeit“ Gottes als oberstes Prinzip zur Interpretation der islamischen Lehre anführen. Damit wird nicht generiert, dass Khorchide keine Denkarbeit leisten muss oder wenig mit dem koranischen Text zu ringen hat. Sondern, dass er die Barmherzigkeit Gottes mit dem zu interpretierenden Text zu vereinbaren versucht. Ob dies möglich ist, kann im konkreten Einzelfall geklärt werden. Aber hinsichtlich der theoretischen Mehrdimensionalität eines Textes, ist es zumindest relativ wahrscheinlich. Anzunehmen, es gebe so etwas wie eine adulte, autonome und intellektuellere Theologie, ist naiv, und damit, wie kann es anders sein, infantil. 

Biographien werden erfolgreich als Subjektwerdung der Theorie vermarktet
Der Begründer einer theologischen Denkschule ist nie autonom, daraus schlussfolgernd ist auch die schriftlich verfasste Theologie nie vom Autor zu trennen. Der Versuch den Autor vom Text zu trennen, muss scheitern. Die Strukturalisten unter den Literaturwissenschaftlern haben das Scheitern eines solchen Versuches bereits infolge Roland Barthes Theorie vom „Tod des Autors“ (1967) miterleben können. Um das Potenzial des Textgehaltes und die Autonomie des Textes zu wahren, blendeten sie in der Exegese den individuellen biographischen Kontext des Autors aus - mit dem Ergebnis, dass sich die Idee in der Praxis nicht durchsetzen konnte. Denn der Rezipient möchte immer wissen, wer sich hinter dem Text verbirgt.
Wie dieses sozial-kommunikative Verhalten fruchtet, können wir anhand der Erfolgsgeschichten von Necla Kelek und Seyran Ates sehen. Es ist unglaublich: Obwohl sie beide die neusten Erkenntnisse des islamwissenschaftlichen und soziologischen akademischen Diskurses übergehen, werden sie als Wissenschaftlerinnen ernst genommen. Sie wettern (immer noch) unsäglich gegen das Kopftuch "als Symbol der Unterdrückung[1]", gegen die angebliche Islamisierung des Westens und werden an Universitäten und zu großräumig-geplanten Veranstaltungen geladen. Der subjektiv biographische Hintergrund der Autoren und damit die Namen der Autoren selbst werden dabei zur Verkörperung der verkündeten „wissenschaftlichen“ Theorien. Als „Muslimas“ sind sie Subjektwerdung der Theorie und damit die Rechnung gänzlich aufgeht, bedienen jene sich auch der Diversität und Beliebigkeit der Textdeutung (hier des Korans und der Ahadith, Aussprüche des Propheten Muhammad). Wie leicht selbst ein noch so schwacher Interpretationsansatz an Einfluss gewinnen kann, beweist beispielsweise die Anti-Wissenschaftlichkeit in der Genderforschung, wie der jüngst erschienene Artikel von Martenstein in der Zeit veranschaulicht[2]

Was bleibt ist die Idee der Zurücknahme des Subjektes als spirituelle Herausforderung der Koraninterpretation
Eben jenes Phänomen der beliebigen Textinterpretation wird im Koran selbst problematisiert: "Er ist es, Der das Buch zu dir herabgesandt hat; darin sind Verse von entscheidender Bedeutung – sie sind die Grundlage des Buches – und andere, die unterschiedlich gedeutet werden können. Die aber, in deren Herzen Verderbnis wohnt, suchen gerade jene heraus, die verschiedener Deutung fähig sind, im Trachten nach Zwiespalt und im Trachten nach Deutelei. Doch keiner kennt ihre Deutung außer Allah und diejenigen, die fest gegründet im Wissen sind, die sprechen: „Wir glauben daran; das Ganze ist von unserem Herrn“ – und niemand beherzigt es, außer den mit Verständnis Begabten."(3:8)
Als koranischer Lösungsansatz für eine (bestmögliche Annäherung an eine) umfassende Theologie gilt in Konklusion die Zurücknahme der subjektiven Identität und Vernichtung eigener Machtinteressen durch eine gelebte Spiritualität, sowie die beständige Reflexion der koranischen Lehre in seiner Ganzheitlichkeit. Jene Theologie fordert eine Symbiose von intellektueller und spiritueller Auseinandersetzung mit einem Text. Das ist freilich nicht leicht und bedarf, theologisch-heilsgeschichtlich argumentiert, einer besonderen göttlichen Rechtleitung. 
Abgesehen davon, ist einiges von dem was Tillschneider theoretisiert, eindeutig falsch. So schreibt er: „Bis zu Khorchide nämlich war der Islam, abgesehen von antinomistischen Strömungen innerhalb der Mystik, eine Gesetzesreligion, die den Gläubigen eine detailreich ausgearbeitete Lebensordnung vorgeschrieben hat.“
Der Islam war vielleicht für Laien eine Gesetzesreligion. WissenschaftlerInnen wussten und wissen auch derzeit, dass der Koran selbst prozentual gesehen nur 3-4% rechtliche Vorschriften enthält. Und dass der Koran mehr Potenzial zur Betonung der Mystik bietet, als so manchem wohlgefällig ist. Angesichts dieser Tatsache, ist mir eine infantile Theologie lieber. Kinder sind immerhin ehrlich. 
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[1] Vgl. http://www.welt.de/print/die_welt/debatte/article116111788/Legt-das-Kopftuch-ab.html und http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=9177&ausgabe=200603 und
[2] Vgl. http://www.zeit.de/2013/24/genderforschung-kulturelle-unterschiede