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Sonntag, 6. April 2014

Das Klopfen an der Tür oder Gut, dass jemand größer ist als wir

Wenn ich Sie jetzt fragen sollte, was für Sie von allen Dingen auf der Welt am wichtigsten ist, was würden Sie antworten? Ich bin mir ziemlich sicher, die Antwort würde zu 99,99 % folgendermaßen ausfallen:  Menschen.  Irgendwelche Menschen, die Sie wertschätzen. Familienmitglieder, Freunde, Partner. Nachbarn. Sie wissen schon. Alles andere wäre gelogen. Selbst wenn Sie von materiellen Dingen sprechen, meinen Sie eigentlich etwas anderes. Sie meinen Anerkennung, Ansehen und Liebe. Und alles ist verknüpft mit Beziehungen. Sie sind ein soziales Wesen. Das ist so. Wäre es anders, würden Sie das hier nicht lesen.

Und wenn ich Sie jetzt frage, was die meisten Menschen, und Sie, an allen Religionen am meisten schätzen, dann würde auch hier eine Antwort mit großer Wahrscheinlichkeit alle anderen überbieten: Der ethische Kern jeder Religion, die Etablierung von Moral und Tugend, von universeller Liebe und Frieden. Alles aufgrund der Beziehung zu Gott. 

Zwei Antworten. Also sind wir uns einig. 

Worüber wir uns uneinig sind: Das soziale Wesen und sein asoziales Verhalten. Sie und Ihr Schatten. Kain und Abel. Alles auf Anfang.
  
Jetzt stellen Sie sich vor, Sie sind unschuldig wie ein Kind. Sie wissen nichts von irgendwelchen Kriegen und Gewalt im Namen Gottes. Nichts, von der Legitimation frauenverachtender Traditionen, von Fanatismus und Ausgrenzung Andersgläubiger oder Nichtgläubiger. Sie verstehen nichts vom Theater der Politik hinter dem Vorhang kühl berechneter Machtspielchen. Sie verstehen nichts von Zurschaustellung und Selbstbetrug, von Doppelmoral und Heuchelei. Von Arroganz, Missvertrauen und Weißglut.

Sie sitzen jetzt gerade auf einem weißen Ledersessel, in Ihrer linken Hand ein Buch von Jostein Gaarder „Sofies Welt“ und in Ihrer rechten Hand „Der Heilige Quran“.

Sie dürfen die erste Entscheidung treffen. Nein, Sie müssen die erste Entscheidung treffen. Sonst wären Sie nicht hier.

A.) Sie lesen die ersten Zeilen von Sofies Welt.
B-) Sie lesen die erste Sure des Heiligen Quran.
C.) Sie lesen beides.

Wenn Sie sich für A.) entschieden haben, lesen Sie das hier:

„Sofie Amundsen war auf dem Heimweg von der Schule. Das erste Stück war sie mit Jorunn zusammen gegangen. Sie hatten sich über Computer unterhalten. Jorunn hielt das menschliche Gehirn für einen komplizierten Computer. Sofie war sich nicht sicher, ob sie da zustimmte. Ein Mensch mußte doch mehr sein als eine Maschine?“

Wenn Sie sich für B.) entschieden haben, lesen Sie das hier: 

„IM NAMEN ALLAHS, DES GNÄDIGEN, DES BARMHERZIGEN. 
ALLER PREIS GEBÜHRT ALLAH.
DEM HERRN DER WELTEN. 
DEM GNÄDIGEN. 
DEM BARMHERZIGEN. 
DEM MEISTER DES GERICHTSTAGES. 
DIR ALLEIN DIENEN WIR UND ZU DIR ALLEIN FLEHEN WIR UM HILFE. 
FÜHRE UNS AUF DEN GERADEN WEG.
DEN WEG DERER, DENEN DU GNADE ERWIESEN HAST.
DIE NICHT DEIN MISSFALLEN ERREGT HABEN UND DIE NICHT IRREGEGANGEN SIND.“

Sie haben also C) genommen. In Ihnen ist irgendetwas passiert. Was auch immer es ist, Sie dürfen aufatmen. Es folgt die zweite Entscheidung. Ja, Sie dürfen die zweite Entscheidung treffen. Jemand gegenüber von Ihnen möchte wissen, was Sie sein wollen. Sie haben zwei Wahlmöglichkeiten.

Entweder 
  
1.) Ein Computer

 Oder
     2.) Ein Mensch

Sie sind sich nicht sicher, was das Ganze soll. Also beantworten Sie die Frage lieber nicht. Vielleicht sind Sie überfordert, so etwas mag vorkommen.

Sie bleiben also sitzen. Es klopft an der Tür. 

Tock. Tock. 
Leise oder laut, egal wie eindringlich. Auf jeden Fall können Sie es nicht überhören. Dafür sitzen Sie zu nah dran.


Sie wissen nicht wer es ist und sind angespannt. Sie wissen nicht was Sie erwartet- Sie sind hin- und hergerissen, hin-und her, zwischen Neugier und Angst. Das ist gut so. Sie sind wohl doch kein Computer.

Sie zählen bis drei.
Sie haben die Freiheit.
Sie hatten schon immer die Freiheit, auch wenn die Freiheit manchmal kleiner schien als die Tür.
Aber sie war nie vollkommen verschwunden. Also.


Entweder Sie öffnen die Tür und lassen sich überraschen.
Oder Sie lassen die Tür zu.


Wenn Sie die Türe öffnen, kann es sein, dass Sie erschrecken.
Nein, ganz sicher sogar. Sie werden erschrecken.

Er ist größer und stärker, schöner und reicher, mächtiger und reiner, als alles was Sie gesehen haben.Gewaltiger, erhabener und heller. 
So hell, dass es weh tut.
So echt, dass Sie weinen müssen. 
So groß, dass Sie zittern.
Er ist einfach wunder, wunder, wunderschön.


Sie lassen die Tür zu.

Was ist, wenn Sie feststellen müssen, dass alles, ja absolut alles, und jeder Mensch, den Sie lieben, jede
Sache, die Sie prägt, von diesem Einen kommt? Diesem Einen, der hinter dieser Tür steht? 
Das alles zu diesem Einen geht?
Das alles von diesem Einen abhängt?
Das alles durch diesen Einen Frieden findet?


Würden Sie dann diese eine Tür öffnen?
Auch wenn es Ihr ganzes Leben verändern würde?


Ich glaube zu wissen, was Sie tun könnten.

Entweder Sie stehen auf und öffnen die Tür. Sie öffnen die Tür, wie ein verehrender Diener, ein absolut
Hingerissener. Öffnen die Tür, wie ein Wahrhaftiger die Tür öffnet, und denken nicht eine Sekunde
daran, die Augen zu schließen.


Oder Sie bleiben sitzen.
Bleiben sitzen, schließen die Augen und wünschten sich, Sie würden nie darüber nachgedacht haben,
warum Sie hier eigentlich sitzen.

Wünschten sich, das Klopfen der Türe vom Herzen zu trennen. Wünschten sich, ein Abbild zu sein,
bedeute, ein Urbild zu werden. Aber Sie können sich das wünschen solange Sie wollen.
Sie werden es erst wissen, wenn Sie es wirklich erlebt haben.
Und Sie werden es erst erleben, wenn Sie wirklich vor Ihm stehen.
Alles andere ist reine Fiktion.
Alles andere ist absolut tot.


Hör auf deinen Schlaf zu kalkulieren.
Hör auf deine Vieren zu verbreiten.
Hör auf deinen Feind zu eliminieren.

Du bist kein Computer, mein Lieber.


Es gibt immer etwas, das größer ist als wir.

Trau dich. 



Sonntag, 12. Januar 2014

Mipster Me!



Collage by Al-Hub

Huch!
Hab gehört
Du hast das Tuch
Auf dem Kopf
Salonfähig gemacht und
Das Beste aus der
Saison als Päckchen 
(K)Leidkultur 
Bei Urban Out-
Fitters bestellt und damit
Den Islam für In in Insta-
Gram erwogen und die ganze
Komplizierte Lehre mit Samt
Getauscht, geleert und zu-
Geschnürt
Statt underpressure
Jetzt under control
Statt undermine
Jetzt underweight
Normative Orders
Statt Uniform

Mipster Me!

Nimm dICH selbst
Nicht allzu wICHtig
Hören wir es nun
Ohne Grund im Under-
Ground ertönen (Re-)
Mind the Gap 
Zwischen East und West
Ironie als Muskelmaske als
Abbild deiner Selbst

Mipster Me!

Du funktionierst jetzt sogar
Hundert Mark besser als davor
Wenn dein Cardigan
Dann bisschen nach Rauch stinkt
Und Hollister dich irgendwie
Als Model engagiert
Hast du es endlich geschafft

Du bist in Germoney
Angekommen! Und
Was das Beste daran ist:
Du brauchst dich nicht mehr
Vom Fleck zu bewegen 
Wurde bereits alles
Vom Feinsten arrangiert

Auch keine Symbolpolitik mehr
Auf der Vermisst-Plakataktion
Des Innenministerium
Heißt es nämlich jetzt alternativ 
Missed: an undercover terrorist 
Nächste Zeile
Called herself a Mipster


Montag, 2. Dezember 2013

ZwischendenZeilen

Zwischen den Zeilen
Heißt einen Vers auszuhalten

Und dort weiter zu lesen
Wo andere aufhören

Zwischen den Zeilen
Heißt hinzuschauen
Und sich bemerkbar machen
Wenn alle anderen
Schlafen
Sich aufzurichten
Wenn alle anderen stehen

Zwischen den Zeilen
Heißt auf sanften Sohlen
Die Treppe zu besichtigen
Die unbetreten
Um sie dann vielleicht wieder
Zu verlassen

Zwischen den Zeilen
Heißt das zu spüren
Was zwischen uns steht
Den dritten Raum zu denken
Den dritten Bruder zu sehen
Eine Ebene
Zu kommunizieren 
Sich nicht auszunehmen
Das Genommene selbst 
Zu
Sein zusammen 

Zwischen den Zeilen
Heißt das Ungesagte hören
Im Gesagtem
Das Unbedachte im
Bedachten 
Ein weißes Zelt

Zwischen den Zeilen
Heißt nicht immer
Aber an diesen Tagen
Stehen zu bleiben
Um sich umzublicken
Nichtdazuzugehören
Nichtzuzuhören
Wenn alle reden
Im Keim zu ersticken

Zwischen den Zeilen
Heißt manchmal
Aber an den meisten Tagen
Nichts zu schreiben
Um alles zu sagen
Seinen Schal zu tragen
Um nach Ihm zu duften 
Zwischen den Zeilen
Ist nichts geringeres
Als die Vereinigung
Mit diesen
Wenn man sie liest
Dann
Wenn man sie nicht
Mehr überlesen 
Kann



Montag, 26. August 2013

Vertrauen wir Hegel?- Warum absolutes Misstrauen der Wegbereiter für eine neue Epoche der Entschiedenheit sein wird

Wir leben in einem Zeitalter, in dem der materielle Fortschritt einen noch nie dagewesenen Höhepunkt erreicht hat. World Wide Web, Smartphone, GPS, Lasertechnik und Co. determinieren unsere Gesellschaft. Wir rasen und rasen und können es uns nicht mehr vorstellen in einer Welt zu leben die anders funktioniert, ja, die anders strukturiert ist als die jetzige. Vielleicht werden Historiker irgendwann sagen: Das 21.Jahrhundert war ein ganz spezielles Jahrhundert – Bahnbrechend, revolutionär für unser heutiges Dasein. Vielleicht werden sie sogar sagen: Wir haben erst dann begonnen, die Technik dynamisch zu machen. Lebendig, mobil und vielversprechend. Wir waren dabei, als es begann.

Und dennoch ist ein statisch-anmutender Gefühlszustand prägend in der heutigen Zeit. Eine Mentalität, mit der wir alle konfrontiert sind und die den Wenigsten geheuer ist. Ich spreche, so provokant es erscheinen mag, von einer Eigenheit dieses Jahrhunderts. Ein Zustand, der unabdingbar mit der Brisanz des materiellen Fortschritts verknüpft ist. Ein Zustand, der in seiner Dominanz und Häufigkeit ein Grad erreicht und in seiner Erscheinungsform an Gewicht gewonnen hat, welches weder relativiert noch ignoriert werden kann. Es ist die Mentalität des absoluten Misstrauens. Wir können nicht mehr vertrauen. Misstrauen gepaart mit Lethargie. Kognitive Dissonanz. Das Ende des Anfangs.
Woran mache ich meine These fest? Und zu welchem Ergebnis kann sie führen? Ich könnte jetzt soziologisch argumentieren und durch das Kriterium der Empirie und Beobachtung meine Schlüsse ziehen, so wie Eva Illouz es in ihrem neu erschienen Buch „Warum Liebe weh tut“, versucht. Wir könnten sagen: Absolute Freiheit führt zu rücksichtsloser Liebe und zum Scheitern von Liebe - Fehlende Normen und Werte führen zum Verfall der Gesellschaft. So ginge es in etwa vereinfacht. Aber das möchte ich hier nicht tun. Ich werde auch nicht naturwissenschaftlich argumentieren - dass die körperliche Evolution des Menschen sein Optimum erreicht hat und die Evolution des Geistes unendlich ist, beispielsweise. Nein, das führt hier zu nichts. Bleiben wir bei der Logik. Bei der Philosophie. Der Erkenntnistheorie.


Wir haben es nämlich mit einer Polarität zu tun. Mit zwei Gegensätzen, die einander beeinflussen und eine Spannung verursachen, und nur wenn wir diese Polarität verstehen, können wir auch ihre Begleiterscheinungen einordnen und bewerten. Auf der einen Seite befinden wir uns im materialistischen Umbruch. Nennen wir zum Beispiel den steigenden Materialismus, als Heilsversprechen und Mittel zur Glückseligkeit, die sogenannte These nach Hegels Dialektik des Weltgeistes. Und nennen wir demnach die Spiritualität oder das Vertrauen zu Gott, als geistiges Heilsversprechen und Mittel zur Erlangung von Glückseligkeit, die Antithese nach Hegel. Das sind zwei Stadien der Erkenntnis, die eine Entwicklung der Vernunft bezwecken sollen. Das dritte Stadium ist die Synthese, eine Brücke zur Auflösung der Spannung.


Hegel ging davon aus, dass allein das Vernünftige lebensfähig bleibt und sich somit durchsetzen würde. Dabei ist das Unvernünftige jedoch von enormer Bedeutung, um die Entwicklung des Vernünftigen zu provozieren. Das heißt: Umso stärker die These, desto stärker die Antithese. Eine starke These ist somit das Beste was einer Idee passieren kann. Denn je energischer die These ist, desto stärker ist die Negation der Negation. Wenn ich an das „Sein“ nachdenke, muss ich unweigerlich auch an das „Nicht-Sein“ nachdenken. Eine solche dialektische Spannung kann nur aufgelöst werden durch das „Werden“. Anders angewendet: Die Stärke des materialistischen Heilsversprechen führt unweigerlich zu einem wachsenden Misstrauen gegenüber dem spirituellen Heilsversprechen. Die damit einhergehenden gesellschaftlichen Probleme provozieren dabei jedoch immer stärker eine Antithese: Die Sehnsucht nach Vertrauen, die Sehnsucht nach einer tiefergehenden, verborgenen Wahrheit. These und Antithese bedingen einander, die Vorstellung von Materialismus existiert nicht ohne die Vorstellung von Spiritualität, Misstrauen existiert nicht ohne die Idee des Vertrauens.


Haben wir erst einmal jene Realität erkannt, können wir entsprechende Schlussfolgerungen zur Synthese ziehen und Lösungsansätze benennen. Als Theologin wage ich die Herausforderung das erkenntnistheoretische Modell in einen neuen, islamrelevanten Kontext einzubetten.

Der Islam ist eine monotheistische Religion, das heißt tauhid, und damit die Lehre der Einheit und Ganzheitlichkeit des Wesen Gottes, steht im Mittelpunkt. Der Mensch, der die Idee der Einheit Gottes nicht verinnerlicht hat, wird im Koran als „Irrender“ bezeichnet. Jeder Zweifel, jede Spaltung, jedes Straucheln führt ergo zum Aber- oder Unglauben und damit zum Identitätsverlust der Seele. So heißt es in Sura 9, Vers 45: „(…) und in ihrem Zweifel schwanken sie.“ Das Irren der Schöpfung gleicht dem Zustand der Morgenröte [1]: es ist nicht Tag und nicht Nacht. Der Mensch befindet sich in gewisser Weise im Unklaren. Hazrat Mirza Ghulam Ahmad, Friede sei auf ihm, schrieb dazu treffend: „Es ist logisch, dass man eine Sache die man nicht kennt, nicht wertschätzt, nicht liebt; noch hat man Furcht vor ihr. Alle Arten der Liebe und Furcht entstehen nach der Erkenntnis.“[2]

Die Hölle des Irrenden ist somit ein labiler Zustand der Unentschiedenheit, Unvollständigkeit und Unbestimmtheit oder Unbeständigkeit. Er befindet sich in einem Stadium orientierungslosen Lechzens, wie es in der Sura Al-A´raf (7:177) heißt: „(…)Er gleicht daher einem Hunde: treibst du ihn fort, so lechzt er, und beachtest du ihn nicht, so lechzt er. Gerade so geht es Leuten, die Unsere Zeichen leugnen.“ Man könnte sagen, die Anerkennung von Polarität bildet hier die These nach Hegel und die Leugnung von Polarität bzw. von Ganzheitlichkeit bezeichnet die Antithese. Die Synthese wäre aus theologischer Sicht die Vereinigung beider Gegenstücke durch die Formulierung der Erkenntnis, dass Gott der Herrscher über jede Form von Polarität ist.


In der Sprache der Fachsemantik ausgedrückt, klingt es sehr schwerfällig. Dabei bezeichnet es im Grunde genommen einen spirituellen Pfad, der nicht in Worte zu fassen ist. Der muslimische Mystiker und Philosoph Jalauddin Rumi formulierte es so: „Hier ist eine Welt, und da ist eine Welt. Ich sitze auf der Türschwelle.“[3]  Die Schwelle ist somit eine Art Bindeglied oder Brücke zur Überwindung der Polaritäten. Der Islam als Weg der Mitte, führt zur Einswerdung mit Gott und damit zur Auflösung der Unvollständigkeit.[4] Eine Überwindung jeglicher Polarität kann dabei nur gewährleistet werden, indem Gott als Herrscher der Polaritäten angesehen wird. Schließlich ist Gott immer existent, egal ob es Tag ist oder Nacht. Allein die Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen ist in der Finsternis eingeschränkt. Der Mensch ist jedoch in der Lage seine Sinne zu schärfen und Gott zu erkennen (Licht) oder seine Sinne abstumpfen zu lassen und Gott zu leugnen (Finsternis).


Wenn Hegel also recht behält, dann kann einzig und allein ein Islamverständnis überzeugend sein und an Einfluss gewinnen, das die Spannung der Polaritäten auflöst und den Weg der Mitte lehrt. Eine fanatische Lesart ist dadurch ebenso wenig erfolgversprechend, wie eine laxe Lesart der Modernisten. Es muss ein Islamverständnis sein, das eine lebendige Beziehung zu Gott propagiert und dennoch nicht völlig weltfremd erscheint.


Nicht ohne Grund prophezeite Max Heine schließlich nach der Lektüre von  Jean-Francois Lyotards Thesen der Postmoderne eine neue Epoche der Entschiedenheit und damit einen Ausbruch aus dem „unerträglichen Stillstand“ der heutigen Zeit:


„Die Postmoderne ist widerlegt durch die Geschichte, durch den Fortschritt, durch die Eindeutigkeit und Originalität von Ideen. (…) Die neue Epoche ist geprägt durch den Ausbruch aus dem unerträglichen Stillstand der Postmoderne. Der Aufbruch ist unabdingbar, wenn der Westen auf die großen Veränderungen reagieren und angemessene Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit finden möchte. Antworten, die sich an moralischen und solidarischen Aspekten orientieren. (…) Die neue Epoche wird sich durch die Suche der Menschen nach Halt in einer sich verändernden Welt charakterisieren. Die Bedeutung des Identitätsstiftendem im Rahmen dieser Suche wird dabei  – als Gegenpol zum Individualismus – weiter zunehmen.“[5]


Ob es so sein wird? Wir werden sehen. Mein Vertrauen hat er bereits.

Copyright Al-Hub



[1] Vgl. Sura Al-Falaq

[2]Hazrat Mirza Ghulam Ahmad wird von vielen Muslimen als erwarteter Messias und Reformer der Endzeit angesehen. Das Zitat wurde aus dem Buch „Vortrag von Lahore“ entnommen (Frankfurt am Main 2011, S. 19-20)

[3] Vgl. http://www.ahmadiyya.de/islam/islamische-mystik/

[4] Vgl. auch den  interessanten Artikel http://www.huffingtonpost.com/craig-considine/rumi-and-emerson_b_3748667.html?utm_hp_ref=tw

[5] Vgl. http://le-bohemien.net/2013/02/25/die-postmoderne-ist-tot/

Montag, 8. Juli 2013

Für sich gesprochen

Es ist eine Weile her/ Du weiltest noch unter uns/ Als du auf mich zuliefst/ Meine Augen waren auf den Fluss gerichtet/ Nicht auf dich/ Du sprachst mich an/ Wolltest wissen/ Ob das/ Was meine Augen für sich bewahren/ Mich so sehr erfasst/ Dass ich es für Andere weitertrage/ Es gar als Gedicht verfasse/Und so den Ort/ Als Wort verwahre./ Du lächeltest/ Es war eine Idee/ Eine Neugier/ Vielleicht auch ein Wunsch/ Ich fand es lustig/ War spöttisch/ Blieb stumm/ Vielleicht/ War ich verlegen/Vielleicht/ Ging es mir nahe/ Ich quittierte es mit einem Grinsen/ War schlau oder/ Dumm./ Jetzt sind einige Jahre vergangen/ Ich stehe hier/ Am selben Ort/ Mit Menschen die anders sind/ Und ähnliches fragen/ Jetzt begreife ich/ Was du meintest / War ich doch nur zu stolz/ Um es zu erkennen /Oder/Zu ertragen/ Ich kann nichts für mich bewahren/ Habe nicht das Recht/ Dinge zu erfassen/ Dinge für mich zu besitzen/ Oder zu erfragen/ Noch kann ich verfassen/ Was meine Augen sehen/ Allein dass ich gesehen werde/ Wolltest du mir sagen / Und dass wir/ Für uns gesprochen/ Zu wenig/ Voneinander hören/ Und zu wenig/ Zueinander sagen/ Vergib mir meinen Stolz/ Du sprachst nicht nur von mir/ Als du mit mir sprachst/ Sondern von all jenen/ Die für sich sind/ Und ihr Ding/ Für sich machen/ Ich habs verstanden/ Der Mensch kann nichts/ Und kann es doch nicht lassen. 


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Dienstag, 2. Juli 2013

Unvergangen

Kein Tag vergeht, ohne zu bleiben, kein Tag vergeht, ohne auf das Zurückgebliebene zu verweisen. Wer neue Ideale und Ideen ablehnt, tut dies oftmals instinktiv - in Wahrheit lehnt er damit die eigene Geschichte und Identität ab, in der Sorge zum wiederholten Male ihr Vergehen und Zerbrechen zu erleben. Gerade deshalb ist der Zyniker der Neuzeit ein Melancholiker. Aber ist es nicht feige Ideen allein deswegen abzulehnen, weil sie an vergangene Fehler erinnern? So manche Zurückweisung gründet auf ein unreflektiertes, bloßes Gefühl. Eine echte Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und Geschichte, fordert mehr. Hazrat Mirza Bashir ud-Din Mahmud Ahmad (ra) schrieb einmal "Ein Volk, das seine Geschichte nicht kennt, kann keine Fortschritte erzielen."1Vieles von dem, das wir meinen zu kennen, ist die halbe Wahrheit oder weniger als das. Und vieles von dem, das wir meinen zu sehen, ist nichts anderes als ein Abbild unserer derzeitigen geistigen Verfassung. Die Zunahme an Unwissen setzt Wissenszurücknahme voraus. Denn die Abfolge von Ereignissen ist alles andere als zufällig.

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1.Vgl. Der Aufstand - Über den Beginn erster Konflikte im Islam, Frankfurt am Main, 2013, S.19

Mittwoch, 22. Mai 2013

Für alle Fälle

Für den Fall, dass

Du auf den Kopf fallen solltest

Es gibt so viel zum erinnern

Zum Beispiel

Der Spruch von neulich

„Die Welt ist verzweifelt-

Ich bezweifle das.“

Oder die Idee von

Gestern, das Paradies

Sind immer die Anderen,

Und falls dir nichts mehr einfällt

Lehn dich zurück und fall

Auf den Kopf

Ich verzeihe dir

Schließlich war

Es ein Un-

Fall


Quelle Unknown


                              - Vergesslichkeit ist auch eine Form der Freiheit (Khalil Gibran)-

Samstag, 18. Mai 2013

Through the mirror - Das letzte Geheimnis zwischen den Menschen

Die Faszination, die von einem Spiegel ausgeht, wird unterschätzt. Beobachtet man einmal den gemeinen und, was auch immer das sein mag, ungemeinen Menschen und seinen Drang sich selbst zu inspizieren, ist es so, als würde die Zeit still stehen. Der sich abmühende Blick schwelgt, egal ob jener in Eile ist oder in Trance, sein Gönner sich modisch oder unmodisch  kleidet und eitel oder demütig ist.  Die Symbolik dahinter ist die Symbolik der (An-)Erkennung des Anderen, wir sehen uns selbst so, wie wir meinen von anderen gesehen zu werden und fragen dabei, ob uns jene erkennen, wie wir meinen und selbst erkennen zu würden. Die Frage hierbei ist nicht wer ich bin, sondern wer ich sein kann. Zeit und Raum sind überfüllt von solchen Fragen. Fragen des Hinterfragens von Selbst-und Fremdwahrnehmung, Subjekt- und Objektwerdung. Wir steigen ein in Verhaltensmuster, verlieren uns in Rollen, sind ganz wir selbst und wissen selbst nicht so genau, wie wir eigentlich wirken. 

Das Wirkungspotenzial unseres Selbst ist für das Selbst ein Rätsel, für den Anderen ist es ein oft unbewusstes Verarbeiten von Reizen, nichts anderes als Konsum. Ja, der Mensch konsumiert sich andauernd selbst. Er kategorisiert und ordnet, die Stimme, das Aussehen, die Perspektive: Den Menschen. Dieses Konsumieren des Menschen, des Bildes oder eben jenes Urteils, das wir uns bilden oder das für uns gebildet wird, scheint erst durchbrochen, wenn wir in den Spiegel schauen. Wir zweifeln, sind skeptisch, wir reflektieren.[1] Doch der Spiegel des Anderen bleibt uns fern, es ist unser Bild, das wir auseinandernehmen, und nach Maßstäben prüfen, die möglicherweise absurd sind und sich jeder Legitimation entziehen. Aber immerhin hören wir auf zu konsumieren. Wir halten inne vor dem Spiegel. Der Blick in den Spiegel ist immer still und einsam. Er ist oft ein wenig bedrohlich, sich selbst ungenügsam.

Das Konsumieren des Anderen wird jedoch erst durchbrochen, wenn wir uns in seine Welt hineingeben. Wenn dieser Andere unsere Kategorien ins Schwanken geraten lässt und uns überrascht. Wenn Name und Bild nicht zusammen zu passen scheinen, Kleidung und Verhalten sich in die Quere kommen, dann inspizieren wir auch das Selbst das Anderen, indem wir es nicht bloß konsumieren, sondern  auflösen und damit kennen lernen. Aber auch da wird es eine Grenze geben, die wir nicht durchbrechen können. Bis zu einem gewissen Grade bleiben wir uns auf ewig fremd. Das ist und bleibt das letzte Geheimnis zwischen den Menschen.





[1] Ähnlich verhält es sich mit der Symbolik der Verschleierung. Der Schleier reflektiere und transzendiere nach David E. Wellbery die „Grenze zwischen Beobachtung und Beobachtetem, Meta-und Objektsprache.“ (Vgl. Endres/ Wittmann, Wolf: Ikonologie des Zwischenraums, München 2005, S.59.) Ausgehend von dieser Definition ist die Verschleierung eine Art Metapher für einen Spiegel. Ähnlich deutet Endres den Schleier, demnach dieser als Spiegel das falsche Bewusstsein dessen zurück werfe, der seinen Blick auf ihn richte.(Vgl. ebd. Endres/ Wittmann, Wolf, S.3.) Der Schleier stiftet Identität, indem er die Identität des Beobachters herausfordert und indem er zur Reflexion des Selbst anregt.


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