Wir leben in einem Zeitalter, in dem
der materielle Fortschritt einen noch nie dagewesenen Höhepunkt erreicht hat.
World Wide Web, Smartphone, GPS, Lasertechnik und Co. determinieren unsere
Gesellschaft. Wir rasen und rasen und können es uns nicht mehr vorstellen in
einer Welt zu leben die anders funktioniert, ja, die anders strukturiert ist als
die jetzige. Vielleicht werden Historiker irgendwann sagen: Das 21.Jahrhundert
war ein ganz spezielles Jahrhundert – Bahnbrechend, revolutionär für unser heutiges
Dasein. Vielleicht werden sie sogar sagen: Wir haben erst dann begonnen, die
Technik dynamisch zu machen. Lebendig, mobil und vielversprechend. Wir waren dabei,
als es begann.
Und dennoch ist ein statisch-anmutender
Gefühlszustand prägend in der heutigen Zeit. Eine Mentalität, mit der wir alle konfrontiert
sind und die den Wenigsten geheuer ist. Ich spreche, so provokant es erscheinen
mag, von einer Eigenheit dieses Jahrhunderts. Ein Zustand, der unabdingbar mit
der Brisanz des materiellen Fortschritts verknüpft ist. Ein Zustand, der in
seiner Dominanz und Häufigkeit ein Grad erreicht und in seiner Erscheinungsform
an Gewicht gewonnen hat, welches weder relativiert noch ignoriert werden kann. Es
ist die Mentalität des absoluten Misstrauens. Wir können nicht mehr vertrauen. Misstrauen
gepaart mit Lethargie. Kognitive Dissonanz. Das Ende des Anfangs.
Woran mache ich meine These fest? Und
zu welchem Ergebnis kann sie führen? Ich könnte jetzt soziologisch
argumentieren und durch das Kriterium der Empirie und Beobachtung meine Schlüsse
ziehen, so wie Eva Illouz es in ihrem neu erschienen Buch „Warum Liebe weh tut“,
versucht. Wir könnten sagen: Absolute Freiheit führt zu rücksichtsloser Liebe
und zum Scheitern von Liebe - Fehlende Normen und Werte führen zum Verfall der
Gesellschaft. So ginge es in etwa vereinfacht. Aber das möchte ich hier nicht
tun. Ich werde auch nicht naturwissenschaftlich argumentieren - dass die
körperliche Evolution des Menschen sein Optimum erreicht hat und die Evolution
des Geistes unendlich ist, beispielsweise. Nein, das führt hier zu nichts.
Bleiben wir bei der Logik. Bei der Philosophie. Der Erkenntnistheorie.
Wir haben es nämlich mit einer
Polarität zu tun. Mit zwei Gegensätzen, die einander beeinflussen und eine
Spannung verursachen, und nur wenn wir diese Polarität verstehen, können wir
auch ihre Begleiterscheinungen einordnen und bewerten. Auf der einen Seite
befinden wir uns im materialistischen Umbruch. Nennen wir zum Beispiel den
steigenden Materialismus, als Heilsversprechen und Mittel zur Glückseligkeit, die
sogenannte These nach Hegels
Dialektik des Weltgeistes. Und nennen wir demnach die Spiritualität oder das
Vertrauen zu Gott, als geistiges Heilsversprechen und Mittel zur Erlangung von
Glückseligkeit, die Antithese nach
Hegel. Das sind zwei Stadien der
Erkenntnis, die eine Entwicklung der Vernunft bezwecken sollen. Das dritte
Stadium ist die Synthese, eine Brücke
zur Auflösung der Spannung.
Hegel ging davon
aus, dass allein das Vernünftige lebensfähig bleibt und sich somit durchsetzen
würde. Dabei ist das Unvernünftige jedoch von enormer Bedeutung, um die Entwicklung
des Vernünftigen zu provozieren. Das heißt: Umso stärker die These, desto
stärker die Antithese. Eine starke These ist somit das Beste was einer Idee
passieren kann. Denn je energischer die These ist, desto stärker ist die
Negation der Negation. Wenn ich an das „Sein“ nachdenke, muss ich unweigerlich auch
an das „Nicht-Sein“ nachdenken. Eine solche dialektische Spannung kann nur
aufgelöst werden durch das „Werden“. Anders
angewendet: Die Stärke des materialistischen Heilsversprechen führt
unweigerlich zu einem wachsenden Misstrauen gegenüber dem spirituellen
Heilsversprechen. Die damit einhergehenden gesellschaftlichen Probleme
provozieren dabei jedoch immer stärker eine Antithese: Die Sehnsucht nach
Vertrauen, die Sehnsucht nach einer tiefergehenden, verborgenen Wahrheit. These
und Antithese bedingen einander, die Vorstellung von Materialismus existiert
nicht ohne die Vorstellung von Spiritualität, Misstrauen existiert nicht ohne
die Idee des Vertrauens.
Haben wir erst einmal jene Realität
erkannt, können wir entsprechende Schlussfolgerungen zur Synthese ziehen und Lösungsansätze benennen. Als Theologin wage ich
die Herausforderung das erkenntnistheoretische Modell in einen neuen,
islamrelevanten Kontext einzubetten.
Der Islam ist eine monotheistische
Religion, das heißt tauhid, und damit
die Lehre der Einheit und Ganzheitlichkeit des Wesen Gottes, steht im
Mittelpunkt. Der Mensch, der die Idee der Einheit Gottes nicht verinnerlicht
hat, wird im Koran als „Irrender“ bezeichnet. Jeder Zweifel, jede Spaltung,
jedes Straucheln führt ergo zum Aber- oder Unglauben und damit zum
Identitätsverlust der Seele. So heißt es in Sura 9, Vers 45: „(…) und in ihrem Zweifel schwanken sie.“
Das Irren der Schöpfung gleicht dem Zustand der Morgenröte :
es ist nicht Tag und nicht Nacht. Der Mensch befindet sich in gewisser Weise im
Unklaren. Hazrat Mirza Ghulam Ahmad, Friede sei auf ihm, schrieb dazu treffend:
„Es ist logisch, dass man eine Sache die
man nicht kennt, nicht wertschätzt, nicht liebt; noch hat man Furcht vor ihr.
Alle Arten der Liebe und Furcht entstehen nach der Erkenntnis.“
Die Hölle des Irrenden ist somit ein
labiler Zustand der Unentschiedenheit, Unvollständigkeit und Unbestimmtheit
oder Unbeständigkeit. Er befindet sich in einem Stadium orientierungslosen
Lechzens, wie es in der Sura Al-A´raf (7:177) heißt: „(…)Er gleicht daher einem Hunde:
treibst du ihn fort, so lechzt er, und beachtest du ihn nicht, so lechzt er.
Gerade so geht es Leuten, die Unsere Zeichen leugnen.“ Man könnte sagen, die
Anerkennung von Polarität bildet hier die These
nach Hegel und die Leugnung von Polarität bzw. von Ganzheitlichkeit bezeichnet
die Antithese. Die Synthese wäre aus theologischer Sicht
die Vereinigung beider Gegenstücke durch die Formulierung der Erkenntnis, dass
Gott der Herrscher über jede Form von Polarität ist.
In der Sprache der Fachsemantik
ausgedrückt, klingt es sehr schwerfällig. Dabei bezeichnet es im Grunde
genommen einen spirituellen Pfad, der nicht in Worte zu fassen ist. Der
muslimische Mystiker und Philosoph Jalauddin Rumi formulierte es so: „Hier ist eine Welt, und da ist eine Welt. Ich sitze
auf der Türschwelle.“ Die Schwelle ist somit eine Art Bindeglied
oder Brücke zur Überwindung der Polaritäten. Der Islam als Weg der Mitte, führt
zur Einswerdung mit Gott und damit zur Auflösung der Unvollständigkeit. Eine
Überwindung jeglicher Polarität kann dabei nur gewährleistet werden, indem Gott
als Herrscher der Polaritäten angesehen wird. Schließlich ist Gott immer
existent, egal ob es Tag ist oder Nacht. Allein die Wahrnehmungsfähigkeit des
Menschen ist in der Finsternis eingeschränkt. Der Mensch ist jedoch in der Lage
seine Sinne zu schärfen und Gott zu erkennen (Licht) oder seine Sinne
abstumpfen zu lassen und Gott zu leugnen (Finsternis).
Wenn Hegel also recht behält, dann
kann einzig und allein ein Islamverständnis überzeugend sein und an Einfluss
gewinnen, das die Spannung der Polaritäten auflöst und den Weg der Mitte lehrt.
Eine fanatische Lesart ist dadurch ebenso wenig erfolgversprechend, wie eine
laxe Lesart der Modernisten. Es muss ein Islamverständnis sein, das eine
lebendige Beziehung zu Gott propagiert und dennoch nicht völlig weltfremd
erscheint.
Nicht ohne Grund prophezeite Max
Heine schließlich nach der Lektüre von Jean-Francois
Lyotards Thesen der Postmoderne eine neue Epoche der Entschiedenheit und damit
einen Ausbruch aus dem „unerträglichen Stillstand“ der heutigen Zeit:
„Die
Postmoderne ist widerlegt durch die Geschichte, durch den Fortschritt, durch
die Eindeutigkeit und Originalität von Ideen. (…) Die neue Epoche ist geprägt
durch den Ausbruch aus dem unerträglichen Stillstand der Postmoderne. Der
Aufbruch ist unabdingbar, wenn der Westen auf die großen Veränderungen
reagieren und angemessene Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit finden
möchte. Antworten, die sich an moralischen und solidarischen Aspekten orientieren.
(…) Die neue Epoche wird sich durch die Suche der Menschen nach Halt in einer
sich verändernden Welt charakterisieren. Die Bedeutung des Identitätsstiftendem
im Rahmen dieser Suche wird dabei – als Gegenpol zum Individualismus –
weiter zunehmen.“
Ob es so sein wird?
Wir werden sehen. Mein Vertrauen hat er bereits.
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Vgl.
http://www.ahmadiyya.de/islam/islamische-mystik/