Hans-Thomas Tillschneider verhöhnt in seinem Essay
„Fragwürdiges Plädoyer für eine infantile Theologie" (erschienen am 07.Juni 2013
in der FAZ), Mouhanad Khorchides Werk „Islam ist Barmherzigkeit“ als
einfältig und intellektuell bescheiden, „dass man sich wundert den Autor auf einem
theologischen Lehrstuhl zu sehen.“ Dabei zeugt gerade dies von einem verklärten
Theologie- und Selbstverständnis. Eine Entgegnung.
Mag sein, dass
Khorchides Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ für den abgebrühten Leser ein
wenig weichgespült daherkommt. Aber mag auch sein, dass Tillschneider das Wort
"Barmherzigkeit" übersehen hat, als er begann
Khorchides Werk derartig zu verreißen, dass der gemeine Leser sich
insgeheim wünschte, er möge doch ein wenig Barmherzigkeit walten lassen über
den netten Khorchide. Gibt es eine allumfassende, mess- und fassbare islamische
Theologie, Lehre von Gott? Tillschneiders Essay „Fragwürdiges Plädoyer für eine infantile Theologie“ zeugt nicht
nur von einer dreist anmaßenden Überheblichkeit; es ist schlicht und einfach
streckenweise unwissenschaftlich und in sich paradox. Als renommierter
Islamwissenschaftler hätte er wissen müssen, dass Theologie und Wissenschaft
gleichermaßen nie dem Anspruch an Objektivität, noch dem Anspruch an Autonomie
gerecht werden können. Dennoch kritisiert er kläglich, Khorchide definiere
„den Islam einfach nach seinem Geschmack
um“, obwohl er doch bitte „mit der islamischen Theologie ringen“ müsste.
Die Hervorhebung eines Gottesattributes impliziert
nicht die Verleugnung eines anderen
Um es noch
einmal klarzustellen: Khorchide spricht nicht von der islamischen Theologie schlechthin (was auch immer das sein
soll), sondern von einer Theologie einer spezifischen Denkschule. Im Frühislam
standen sich die Verfechter der „Theologie der Gerechtigkeit/Vernunft“ (Muʿtaziliten)
und die der „Theologie der Allmacht/Vorherbestimmung“ (Ašʿarīten) gegenüber. In
der Moderne haben sich eine „Feministische Theologie“ und eine „Theologie der
Neo-Traditionalisten“ herausgebildet. Der Mensch denkt in Kategorien und leitet
aus diesen Kategorien eine logische Argumentation und Plausibilität der
Interpretation des Textes, ganz gleich ob religiöser Natur oder nicht, ab. Wie
sollte es auch anders sein?
Das bedeutet
indes nicht, dass unterschiedliche Theologien einer Religion absolut konträr
zueinander stehen. Vielmehr betonen sie bestimmte Kategorien stärker als andere
und leiten aus diesen ihre Interpretationsansätze ab. Wer die Entwicklung und
Entstehung islamischer Denkschulen beobachtet hat, erkennt nämlich schnell,
dass ihre Begründer im Ursprung dieselbe Lehre vertraten. Allein die permanente
Hervorhebung eines bestimmten Attribut Gottes in religiösen öffentlichen
Diskussionen begünstigte Abgrenzungsmechanismen, die zur Entstehung
eigenständiger Denkschulen führten. Eine Theologie der „Barmherzigkeit“ wird
somit gezwungenermaßen die „Barmherzigkeit“ Gottes als oberstes Prinzip zur
Interpretation der islamischen Lehre anführen. Damit wird nicht generiert, dass
Khorchide keine Denkarbeit leisten muss oder wenig mit dem koranischen Text zu
ringen hat. Sondern, dass er die Barmherzigkeit Gottes mit dem zu
interpretierenden Text zu vereinbaren versucht. Ob dies möglich ist, kann im
konkreten Einzelfall geklärt werden. Aber hinsichtlich der theoretischen Mehrdimensionalität
eines Textes, ist es zumindest relativ wahrscheinlich. Anzunehmen, es gebe so
etwas wie eine adulte, autonome und intellektuellere Theologie, ist naiv, und damit, wie kann es anders sein,
infantil.
Biographien werden erfolgreich als Subjektwerdung der
Theorie vermarktet
Der Begründer
einer theologischen Denkschule ist nie autonom, daraus schlussfolgernd ist auch
die schriftlich verfasste Theologie nie vom Autor zu trennen. Der Versuch den
Autor vom Text zu trennen, muss scheitern. Die Strukturalisten unter den
Literaturwissenschaftlern haben das Scheitern eines solchen Versuches bereits
infolge Roland Barthes Theorie vom „Tod
des Autors“ (1967) miterleben
können. Um das Potenzial des Textgehaltes und die Autonomie des Textes zu
wahren, blendeten sie in der Exegese den individuellen biographischen Kontext
des Autors aus - mit dem Ergebnis, dass sich die Idee in der Praxis nicht
durchsetzen konnte. Denn der Rezipient möchte immer wissen, wer sich hinter dem
Text verbirgt.
Wie dieses
sozial-kommunikative Verhalten fruchtet, können wir anhand der
Erfolgsgeschichten von Necla Kelek und Seyran Ates sehen. Es ist unglaublich:
Obwohl sie beide die neusten Erkenntnisse des islamwissenschaftlichen und
soziologischen akademischen Diskurses übergehen, werden sie als
Wissenschaftlerinnen ernst genommen. Sie wettern (immer noch) unsäglich gegen
das Kopftuch "als Symbol der Unterdrückung",
gegen die angebliche Islamisierung des Westens und werden an Universitäten und
zu großräumig-geplanten Veranstaltungen geladen. Der subjektiv biographische
Hintergrund der Autoren und damit die Namen der Autoren selbst werden dabei zur
Verkörperung der verkündeten „wissenschaftlichen“ Theorien. Als „Muslimas“ sind
sie Subjektwerdung der Theorie und damit die Rechnung gänzlich aufgeht,
bedienen jene sich auch der Diversität und Beliebigkeit der Textdeutung (hier
des Korans und der Ahadith, Aussprüche des Propheten Muhammad). Wie leicht
selbst ein noch so schwacher Interpretationsansatz an Einfluss gewinnen kann,
beweist beispielsweise die Anti-Wissenschaftlichkeit in der Genderforschung,
wie der jüngst erschienene Artikel von Martenstein in der Zeit veranschaulicht
Was bleibt ist die Idee der Zurücknahme des Subjektes
als spirituelle Herausforderung der Koraninterpretation
Eben jenes
Phänomen der beliebigen Textinterpretation wird im Koran selbst problematisiert:
"Er ist es, Der das Buch zu dir
herabgesandt hat; darin sind Verse von entscheidender Bedeutung – sie sind die
Grundlage des Buches – und andere, die unterschiedlich gedeutet werden können.
Die aber, in deren Herzen Verderbnis wohnt, suchen gerade jene heraus, die
verschiedener Deutung fähig sind, im Trachten nach Zwiespalt und im Trachten
nach Deutelei. Doch keiner kennt ihre Deutung außer Allah und diejenigen, die
fest gegründet im Wissen sind, die sprechen: „Wir glauben daran; das Ganze ist
von unserem Herrn“ – und niemand beherzigt es, außer den mit Verständnis
Begabten."(3:8)
Als koranischer
Lösungsansatz für eine (bestmögliche Annäherung an eine) umfassende Theologie gilt
in Konklusion die Zurücknahme der subjektiven Identität und Vernichtung eigener
Machtinteressen durch eine gelebte Spiritualität, sowie die beständige
Reflexion der koranischen Lehre in seiner Ganzheitlichkeit. Jene Theologie
fordert eine Symbiose von intellektueller und spiritueller Auseinandersetzung
mit einem Text. Das ist freilich nicht leicht und bedarf, theologisch-heilsgeschichtlich
argumentiert, einer besonderen göttlichen Rechtleitung.
Abgesehen davon,
ist einiges von dem was Tillschneider theoretisiert, eindeutig falsch. So
schreibt er: „Bis zu Khorchide nämlich war der Islam, abgesehen von
antinomistischen Strömungen innerhalb der Mystik, eine Gesetzesreligion, die
den Gläubigen eine detailreich ausgearbeitete Lebensordnung vorgeschrieben
hat.“
Der Islam war
vielleicht für Laien eine Gesetzesreligion. WissenschaftlerInnen wussten und
wissen auch derzeit, dass der Koran selbst prozentual gesehen nur 3-4%
rechtliche Vorschriften enthält. Und dass der Koran mehr Potenzial zur Betonung
der Mystik bietet, als so manchem wohlgefällig ist. Angesichts dieser Tatsache,
ist mir eine infantile Theologie lieber. Kinder sind immerhin ehrlich.
 |
| Copyright Al-Hub |