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Donnerstag, 6. Juni 2013

Gewöhnlich leben wir mit einem auf das Minimum reduzierten Teil unseres Wesens, die meisten unserer Fähigkeiten wachen gar nicht auf, weil sie sich in dem Bewußtsein zur Ruhe begeben, daß die Gewohnheit schon weiß, was sie zu tun hat, und ihrer nicht bedarf.
Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit



 

Samstag, 11. Mai 2013

Vom Lehren 

"Niemand kann Euch etwas eröffnen, was nicht schon im Dämmern Eures Wissens schlummert.
Der Lehrer, der zwischen seinen Jüngern im Schatten des Tempels umhergeht, gibt nicht von seiner Weisheit, sondern eher von seinem Glauben und seiner Liebe.

Wenn Euer Lehrer wirklich weise ist, fordert er euch nicht auf, ins Haus seiner Weisheit einzutreten, sondern führt Euch an die Schwelle eures eigenen Geistes.
Der Astronom kann Euch von seinem Verständnis des Weltraumes reden, aber er kann Euch nicht sein Verständnis geben.
Der Musiker kann Euch vom Rhythmus singen, der im Weltraum ist, aber er kann Euch weder das Ohr geben, das den Rhythmus festhält, noch die Stimme, die ihn wiedergibt.
Und wer der Wissenschaft der Zahlen kundig ist, kann vom Reich der Gewichte und Masse berichten,
aber er kann Euch nicht dorthin führen.
Denn die Einsicht eines Menschen verleiht ihre Flügel keinem anderen.
Und wie jeder von euch allein in Gottes Wissen steht, so muss jeder von Euch allein in seinem Wissen von Gott und seinem Verständnis der Erde sein."

Entnommen aus dem Buch "Der Prophet" von Khalil Gibran 




 

Dienstag, 7. Mai 2013

Nützlich - In Anlehnung an Franz Kafkas "Ein Bericht für eine Akademie"

Ein Landarzt, ein Hungerkünstler und ein
Affe, der sich wie ein Mensch verhält, ver-
Sammelten sich auf dem Friedhof

Der Landarzt ging zum Grabe von
Kauklitz Knabe und schrie ein lautes:
„Sei immer gut drauf!“

Der Menschenaffe ging zum Sarge 
Von Herrn Fade und ließ ihn wissen 
Was der blasse Arme zu tun habe:
"Sauf!“

Zu guter Letzt entdeckte der Hungerkünstler
Hinter der Friedhofsgarage einen hargeren
Herrn in Lumpen, tot und ohne Farbe,
Forderte auf, in Rage: „Kauf!“

Bis der eine anfing zu saufen, der andere
Anfing zu kaufen, der Dritte anfing voller
Tatendrang zu laufen, nur komischerweise
Taten die drei selbst nicht das
Was sie den andren zu wagen
Erlaubten



Montag, 22. April 2013

DAS IST KUNST

"Wer will sich denn so weit hineinwagen in die Welt des anderen? Die Leute wollen sicherlich ein bisschen mitgenommen werden vom Leben des anderen, aber doch immer so, daß sie noch hübsch an der Oberfläche bleiben. Aber sich wirklich auf den anderen einlassen?" (Hadayatullah Hübsch [1])

Quelle raimundsamsonkreativ.blogspot.com


Ausgezogen[2]

Wir waren ausgezogen, den Himmel auf
Die Erde zu holen und hatten gestohlen,
Was die Welt uns nicht freiwillig gab,
Die Welt, das Grab,
In das sie uns hineingelegt hatten in
Arger Selbsttäuschung, wie sie
Sollten wir werden, verkrüppelt von
Tausend Jahren Kadavergehorsam,
Das Raunen im Ohr, wir folgen dir,
Zum Zeugen nehmend, den skrupellosen Arm,
Den kurzes Denken gelähmt,
Emporgehoben zu den dichten Wolken,
So lugten sie in den Nebel,
Und riefen, die anderen sind Schuld,
Machts uns nach, wir süffeln und rauchen
Und schreien das Land zum 3 zu 2 Sieg,
Dreist und feist wieder geworden,
So wollten sie uns zum Lernen zwingen,
Zum Einstudieren der Rituale, der
Qualen, welch Hochgenuss und was für ein
Bitterer Nachgeschmack, o reiß den
Horizont auf, sangen wir im One, two,
Three o'clock four o'clock Rock-Rhythmus,
Und warfen die Kuckucksuhren an die
Tafel, beschmierten uns mit dem Rouge der
Verbotenen Tempel, angespitzt und vernagelt,
Bis uns etwas Besseres einfiel,
Der Fall der Alten, der Zufall der Bewegungen,
Wenn wir uns heiß tanzten und den
Gestanzten Bücherweisheiten den Rücken kehrten,
Als ob die Straße das Heil brächte,
Als ob wir uns verkaufen könnten
An das Gekotze, wisch das weg,
Als ob wir etwas zu verraten hätten
Beim Schlag der Glocke,
Beim Schlagerduell,
Beim Befühlen unserer Wühlmaushaut,
Beim Wühlen in den Plattenstapeln mit ihrem
I'm just a lonely boy, lonely and blue,
Während unsere Augen ertranken im Watt
Vor den Klippen, während das Meer rauschte,
Got myself a crying, talking, sleeping,
Walking Living Doll,
Ach nein, Marionetten wollten wir nicht sein,
Lieber verwildern auf Trampfahrten
Als versauern im Lateinunterricht, in dem
Uns eingebläut wurde: die dem Tode
Geweihten grüßen dich,
Bis uns der Beat an neue Gestade warf,
Der Hoffnungsträger, der sich nicht pervertieren
Lassen durfte, denn der Beat, denn der Beat
Bleibt links, skandierten wir in den
Dumpfen Hörsälen vor magerem Publikum,
Durch den Ruhrpott rasend,
Mit Pot-Zigaretten im staunenden Mund,
Ohne um Erlaubnis zu fragen
Die Polizei und die Bürger,
Ohne uns zu scheren,
Mit wallendem Haar,
Aber verwundert, welch Wunder das Leben bereit
Hielt, wenn du nicht anhältst an der
Ampel, egal wie das Farbenspiel,
Wenn dir der Blitz der hellen Freude
Durch den Kopf zischt und du in den süchtigen
Augen die Losung trägst:
We want the world and we want it
Now, bis wir merkten, dass es keine Gewinner
Gibt, sondern nur schöne Verlierer,
Bis aaaargh I feel good
Aus dem Verstärker krachend fuhr und uns ins
Mark traf, wie kann es weitergehen,
Wenn du stehen bleibst?
Also wurden wir Provokateure,
Teure Vagabunden, Heimatlose, Wanderer,
Also zischelten wir: Ach, diese Minderjährigen,
Oder zerrissen die Pop-Plop-Gedichte
Und warfen die Schnitzel ins Publikum, die
Jagd ist eröffnet,
Also summten wir: Mutter Erde, auf der wir
Alle zusammen sind, mit großen Kinderaugen
Und glänzenden LSD-Pupillen,
Also verschenkten wir unsere Herzen wie Dutzendware,
knipsten mit unseren Lidern
Als steckte dahinter die Kamera des
Inneren Weltalls,
Also waren wir in Tages- und Nachtreisen
Verwegen und unnahbar schön,
Denn der Beat bleibt links,
Denn wir wollten verstehn,
Denn der grenzenlose Raum lockt,
Denn Zeit war auf unserer Seite,
Und so verrammelten wir tollkühn die Rat-
Häuser, suhlten uns tabulos in den
Brackwassern der Flüsse,
Gammelten wir durch die Einkaufsparadiese
Mit dem Motto: Geld spielt keine Rolle,
Also waren wir Zukunft,
Und Zuckung,
Und Verlockung,
Und Verruf,
Und heiter und bunt wie Schmetterlinge,
Und versessen darauf, allen zu zeigen,
Wie hübsch wir waren, wie unwiderstehlich, Draufgänger, Saufbrüder,
Höhlenbewohner des Kiffs,
Mit dem Yellow Submarine jedes Riff umfahrend,
Fahrig und verwahrlost,
Eben die, vor denen uns unsere Eltern
Gewarnt hatten,
Bis alles zu viel wurde,
Bis wir stolperten und fielen,
Weil wir nicht mehr gefallen wollten,
Bis wir alle wurden,
Weil wir nur noch lallen konnten,
Bis das magere Licht jenseits des Liebestales,
Das uns magisch angezogen hatte,
Erlosch, bis wir lasch in den Seilen hingen,
Jeder eine Legende,
Ein Überraschungsei,
Ein Segler durch die Mauern in und außer uns,
Aber verraten von unserer Unfähigkeit,
Mehr zu sein als Schein,
Mehr zu werden als Erden,
Mehr zu geben als Piranja-Leben,
Mehr zu erfahren als wir in 100 Jahren
Lernen könnten, entkernen könnten,
Erwärmen könnten, umschwärmen könnten,
Ach, das Bild, das wir von uns machten,
Zerfloss in bleierner Stille,
Unser Wille Ohnmacht,
Ausgelacht wurden wir von den Größen,
Verachtet, weil wir uns entblößten,
Selten auch beweint,
Eingedenk der Lieder: wo meine Sonne scheint,
Und wo meine Sterne stehn,
Da kann man der Hoffnung Land und der
Freiheit Licht in der Ferne sehn,
Aber zu viele kamen nicht an,
Zu viele verrottet, verstorben, verlassen,
Zu viele verwirrt, verirrt, verwest,
Aber einige haben die Suche nach der blauen
Blume nicht aufgegeben,
Einige, die schweben, die heben immer wieder
Die Steine auf, die auf ihren Weg gerollt
Werden wir Groll und Laster, Hohn und Zaster,
Wanderer, kommst du an da,
Dann höre auf den, der sah,
Der nicht abgespritzt wurde,
Von fremder oder eigener Hand,
Der den Verstand schärfte,
Der sich impfen ließ gegen den Ausverkauf,
Der nicht aufhört zu fragen,
Was die Sagen zu verkünden haben,
Was die heiligen Schriften offenbaren,
Von Eingebungen heimgesucht und nicht verflucht,
Immer auf der Suche, immer in Bewegung,
In Erregung nicht verharrend,
Auf Schlangen nicht starrend,
Von Erinnerung zehrend,
Sich über's Gestern nicht beschwerend,
Lernend und lehrend,
Die Habgier verzehrend,
Die Eifersucht verzehrend,
Den Neid verzehrend,
Den Hass verzehrend,
Die Feindschaft verzehrend,
Das Dunkle verzehrend,
Wie Feuer auf dem Berg der großartigen Toten,
Wie Schneeflocken auf den Wiesen der schönen Tage,
Wie ein Laserstrahl, der auf die Stirnbänder
Graviert: Come on baby light my heartbeat,
Heart Beat Art Beat Hard Beat Start Beat
Start Beat Bbbbbbbbbbeat
It.


[1] http://hadayatullah.de/lyrik/unsortiert-1/ausgezogen/




[2] Quelle: http://lyrikzeitung.com/2011/02/19/87-immer-hubsch-an-der-oberflache-bleiben/
 

 

EIN GRANATAPFELHAUS – in Anlehnung an Oscar Wilde

Sie stand inmitten ihres Meisterwerkes: Ein Haus aus Granatäpfeln. Eine Sekunde lang überlegte sie, warum es so wenige Wörter gab die mit Ä anfingen, obwohl Wörter mit Ä nicht nur schöner klangen, sondern auch schöner aussahen. Generell waren ihre diese süßen kleinen Pünktchen auf dem Ä wie eine Zierde für die gesamte Buchstaben-Industrie. Dann, weniger als eine Sekunde, kam ihr die Türkei in den Sinn, vermutlich weil Türken mit den Pünktchen spielen und sich damit schmücken, wie die Deutschen es hätten tun sollen. Sprache. Was ist Sprache ?


Ä.: Verstehen Sie unsere Sprache?

A: Nicht alles, aber das Wichtigste.

Ä: Wie können Sie wissen was wichtig ist, wenn Sie nicht alles verstehen?

A: Ähm…


Sprache kann überwältigend sein, wenn man sie vollkommen begreift.


Aber nicht abschweifen. Da stand sie nun inmitten ihres Werkes: Überall roch es nach Granatäpfeln oder frischem Granatapfelkuchen, aber es würde nicht viel länger dauern (so ihre Befürchtung) da käme der ganze wohlwollende Geruch einem Schimmelpilz gleich; nachdem die Gärung eingetroffen und darüber hinaus Zeit vergangen wäre. Obwohl Granatäpfel zu jener Zeit als Mangelware galten, wurden sie von der Mehrheit nicht wertgeschätzt, wurden sie nicht als Mangel begriffen.


In dieser Welt aus purem Zucker fragt dich niemand nach Granatäpfeln. Jeder weiß, dass es wenige von ihnen an diesem Ort gibt, aber sie würden sie eher verkennen und verspotten, als sie zu begreifen und anzunehmen. Noch nicht einmal die Ästhetik stach ins Auge. Die Kunst des Verlassenen.


Also stand sie immer noch da,  inmitten ihres Werkes, und schwieg.

Quelle Unknown

Montag, 8. April 2013